Lillibeth ”Sturmschwestern oder der Kreislauf des Lebens. ” Aus Lillibeth das Hexenkind / von Hanna Habenicht
Mit dem Nordwind war Besuch angekommen. Die Sturmschwestern. Lillibeth
hatte sie in der Nacht schon gehört. Sie hatte das Pfeifen und Sausen
des Nordwindes gehört. Sie hatte das Kichern und Lachen der wilden
Schwestern gehört. Sie hatte das Knirschen und Krachen, das Ächzen und
Stöhnen der Bäume gehört, als die eisernen Besen den Wald durchfegten.
Das Spiel mit Donner und Blitz machte ihr Angst. Wie scheußlich war
deren Gelächter.
Lillibeth dachte an die Tiere draußen. Warum bloß mußten diese Schwestern immer so toben ? Warum ?
Ganz fest schloß sie ihre Fensterläden. Tief hatte sie sich in ihre
Kissen gekuschelt, die Decke bis über ihre Nase gezogen. Pfui, war das
ein Wetter. Selbst Matz kam heute Nacht in ihr Bett. Laut und Krachend
ging es draußen zu. Aber irgendwann war sie doch eingeschlafen.
Als sie erwachte, war es still. Draußen war es unheimlich still.
Schnell sprang sie ans Fenster. Aber erkennen konnte sie nichts. Dicke
schwere Regenwolken lagen über dem Wald. Nebel stieg auf. Nur Stille
unheimliche Stille nahm sie wahr.
Schnell schlüpfte sie in ihre Kleider. Vorsichtig lugte sie aus ihrer
Zimmertür. Der Gang war leer. Drüben bei der Hexenmutter mußten die
Sturmschwestern sein. Das wilde Gekichere, die lauten schrillen Stimmen
drangen bis hier herüber. Sie mochte diese plumpen, garstigen
Schwestern nicht. Diese häßlichen, gemeinen Hexen waren ihr unheimlich.
" Fritz, los komm mit. Vielleicht brauche ich deine Hilfe."
Fritz flog auf ihre Schulter. Gemeinsam beschlossen sie den unteren
Ausgang zu benutzen. Auf keinesfalls wollte sie den Sturmhexen
begegnen. Vorsichtig schlich sie die Gänge lang. Der untere Ausgang lag
genau an der Baumgrenze. So konnte Lillibeth unbemerkt im Wald
verschwinden.
Sie öffnete die Tür. Frische klare Luft kam ihr entgegen. Schnell
huschte sie in den Wald. Oh heiliger Mond, wie sah es denn hier aus.
Die Sturmhexen hatten wirklich ganze Arbeit geleistet.
Der Eichelhäher hatte Lillibeth als erstes bemerkt. Schnell verbreitete
sich die Kunde im Wald. Die großen und kleinen Tiere kamen sofort
herbei. Viele kleine Verletzungen behandelte sie, aber schlimmeres war
nicht passiert. Die meisten Tiere hatten sich früh genug versteckt.
Sie strich durch den Wald. Ach wie sahen die Bäume aus. Die
wunderschönen großen Bäume, durchrüttelt und zerzaust. Jede menge
Zweige lagen herum, ganze Äste waren abgebrochen, einige Bäume sogar
ausgerissen. Die armen Bäume. Sie verfluchte die Sturmschwestern. Wie
konnte man so etwas tun. Die armen Bäume taten doch niemanden etwas
zuleide. Sie konnte es einfach nicht verstehen.
Verzweifelt setzte sie sich auf einen umgestürzten Baum. Traurig
blickte sie sich um. Warum nur, warum ? Fritz versuchte sie zu trösten.
Aber dadurch fing sie erst richtig an zu heulen.
" Huh, huh, huh, die armen Bäume."
Im dem Stamm gegenüber wohnte eine Eule. Eine kluge alte Eule. Sie war
durch das Geheule wach geworden und schaute nun aus ihren Loch.
" Du bist doch Lillibeth. Sag mal was ist denn los ?"
" Die Bäume. - die wunderschönen Bäume. Die Sturmhexen, die widerlichen Sturmhexen, warum müssen sie alles kaputt machen ?"
Die Eule kam herüber geflogen, setzte sich zu Lillibeth, schaute sie
mit ihren großen Augen verwundert an und fing langsam sehr vorsichtig
an zu sprechen.
" Lillibeth, die Sturmhexen erfüllen nur ihre Aufgabe. Schau dich genau
um. Trockene und wirre Zweige sind es die sie ausgerissen haben.
Morsche und tote Äste haben sie abgebrochen. Das ist sehr wichtig. Nur
dadurch können die Bäume neu austreiben. Mächtiger und schöner werden.
Nur dadurch bleiben sie gesund."
Verwundert blickt Lillibeth sich um. Nahm einen Ast und sah in prüfend an.
" Siehst du , das kranke morsche Holz. Siehst du die dunklen abgestorbenen Stellen. Das muß weg."
" Aber sie haben doch auch ganze Bäume umgeschmissen."
" Ja, Lillibeth, kranke, alte, teilweise schon tote Bäume. Damit machen
sie Platz. Platz für die Jungen. Und schau mal, selbst in den toten
umgerissenen Bäumen ist Leben. Nimm eine handvoll Erde, schau sie dir
genau an. Erst ein paar Stunden liegen sie da und schon bedeuten sie
Leben. Leben für viele kleine Wesen. "
Lillibeth stand auf, bückte sich und hob eine handvoll Erde hoch.
Vorsichtig zerkrümelte sie diese in der Hand und betrachtete diese
genau. Richtig, die Erde lebte. Viele kleine Käfer und Würmer begannen
den umgestürzten Baum zu besiedeln.
" Siehst du Lillibeth, die Würmer und Käfer zerlegen den Baum. Sie
leben davon. Und wenn er eines Tages komplett zerlegt ist, bleibt Humus
übrig. Humus als Nährstoff für junge Pflanzen und Bäume. Alles ist ein
Kreislauf. Leben und sterben, wachsen und vergehen. Alle Lebewesen sind
diesem Kreislauf unterworfen. Auch wir Tiere, die Menschen oder ihr.
Von den Käfern und Würmern leben die Vögel. Füchse, Adler, alle andren
Fleischfresser leben wiederum von der Jagt. Alles ist ein großer
Kreislauf. Jeder hat seine Aufgabe. Einer ist auf den anderen
angewiesen. Verstehst du nun die Arbeit der Sturmhexen. Auch Sturm
bedeutet Leben."
Nachdenklich, ganz nachdenklich hatte Lillibeth zugehört. Dann waren
die wilden Schwestern also wichtig. Wichtig für die Große Mutter,
wichtig für das Leben. In Zukunft wollte sie nicht mehr so schnell
urteilen.
Jeder, aber auch jeder hatte seine Aufgabe.
Aufgefallen ( aus Lillibeth geht Ihren Weg)
Müde und hungrig erreichte sie am späten Abend ihr Haus. Hier war sie
sicher. Im Bannkreis ihres Hauses konnte keine andere Hexe ihr etwas an
tuen, genauso wie sie bei anderen Hexen in ihren Häusern keinerlei
Macht hatte. Das eigene Haus war Schutzgebiet.
Sichtlich erleichtert, kochte sie sich einen Kaffee, holte ein paar
Kekse aus der Vorratkammer und setzte sich unter die Eiche. Krax
gesellte sich zu ihr.
„Ach Krax, was soll ich jetzt tun ?”
„Du kannst gar nichts tun, Du bist nun mal in die Falle getappt. Du
weißt doch genau, du darfst den Menschen nicht helfen. Wenn du ihnen
nicht schaden willst, so darfst du keinerlei Kontakt zu Ihnen haben. “
„ Ich weiß, ich weiß, aber das ist alles so dumm. Ich darf nicht kochen
aber brauen. Wo ist da der Unterschied ? Ich darf Kräuter sammeln, aber
keine Früchte ? Warum ? Krax, warum? Warum werde ich bestraft, wenn ich
etwas schönes esse ? Das ist alles so doof. Warum darf ich nicht mit
den Menschen leben ? Das ist doch viel interessanter. Die Menschen
können ohne Hexerei soviel. Warum ,Krax warum ?”
„ Du weißt genau, das ich dir keine Antwort geben kann, außer es ist nun mal Hexengesetz.”
„Schlechte Gesetze sollte man abschaffen.”